Trauer um Margaretha Moises

Die langjährige Projektpartnerin Margaretha Moises ist am 29. Mai mit 94 Jahren in Kolumbien verstorben. Jahrzehntelang hat sich die österreichische Franziskanerin  für die Bildungs- und Friedensarbeit in dem von Bürgerkrieg und Gewalt geprägten südamerikanischen Land eingesetzt. Ihr Wirken wurde unter anderem 1998 mit dem Romero-Preis ausgezeichnet.

Ankunft in Cartagena
Anfang der 1950er Jahren bestieg die damals 21-jährige Margaretha Moises im französischen Hafen Le Havre ein Schiff, mit dem sie drei Wochen später in Cartagena an der kolumbianischen Karibikküste landete. Cartagena ist ein Juwel der südamerikanischen Kolonialarchitektur und als solches ein beliebtes Tourismusziel. Jahrhundertelang war es der wichtigste Umschlagplatz Amerikas für den Sklavenhandel aus Afrika. Die Hautfarbe vieler Bewohnerinnen und Bewohner der kolumbianischen Karibikregion weist heute noch auf dieses dunkle Kapitel der europäischen Geschichte hin.

Erste Jahre und prägende Ungerechtigkeit
Schwester Margaretha studierte in Cartagena Pädagogik und war dann als Lehrerin und in der außerschulischen Jugendarbeit tätig. Der Schmerz über die in diesem Ausmaß unerwartete Wirklichkeit extremer sozialer Ungerechtigkeit, prägte die junge Salzburgerin nachhaltig: „Es geht nicht um das Seelenheil, sondern um das Wohl des Menschen als Ganzes“, umschrieb Schwester Margaretha einmal ihren Lernprozess in Kolumbien. Und sie freute sich, dass mit Franziskus und Leo nun lateinamerikanische Päpste diese Ungerechtigkeit anprangern.

Zwei Schwestern, ein Auftrag
Ein Jahr zuvor war Margarethas vier Jahre ältere leibliche und geistliche Schwester Maria Herlinde, ebenfalls zur Atlantiküberquerung aufgebrochen. Für beide war in jungen Jahren bereits klar, dass sie ihr Leben in den Dienst der Armen stellen möchten. Ihr Weg zu den Franziskanerinnen von Maria Hilf war somit vorgezeichnet. Die sieben Kinder der Bauernfamilie Moises wuchsen in Bad Hofgastein in einem religiösen und sozial engagierten familiären Umfeld auf. Mitten in der Zeit des Nationalsozialismus. Der Vater wurde wegen seiner politischen Einstellung verfolgt, selbst die zehnjährige Maria Herlinde wurde von der Gestapo verhört. Mit diesem Geist gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, der im Hause Moises herrschte, waren die Probleme, die die beiden Geschwister in Kolumbien erwarten sollten, so gut wie vorprogrammiert. Nicht nur dass sie die im Lande soziale Ungleichheit schnell erkannten; ihrem analytischen Blick blieb auch die Ursache des Elends, in dem die Bevölkerungsmehrheit lebte, nicht verborgen. Damals wie heute ist die ungerechte Landverteilung der Hauptgrund für die sozialen Spannungen und den bewaffneten Dauerkonflikt. Ihr Kampf um soziale Gerechtigkeit und ihre bedingungslose Parteinahme für die landlosen Bauernfamilien brachten die beiden Salzburger Schwestern bald in Konflikt mit den Grundbesitzern. Maria Herlinde wird Ende der 1970er Jahre verhaftet, verbringt fünf Monate im Gefängnis und wird dann des Landes verwiesen, kehrt aber nach einem Jahr wieder zurück. Margaretha wird in einem Bunker der Geheimpolizei psychisch gefoltert. Doch in einem hatten sich die kolumbianischen Behörden getäuscht: in der Hartnäckigkeit und Unbeugsamkeit der beiden Schwestern in ihrer Option für die Armen.

„Das Reich Gottes ist dort…“
„Das Reich Gottes ist überall dort, wo Menschen ein würdiges Leben führen können. Dafür bin ich hier“, sagte Margaretha einmal in einem Interview. Mit einer Überzeugung, der man anmerkte, dass sie ein Leben lang, immer wieder auf die Probe gestellt wurde. Und was für ein Leben! 21 Jahre in Österreich, 73 Jahre in Kolumbien! Immer im Wissen, dass Gott mit ihr war. Egal ob sie in den Anden, in Amazonien oder an der Küste in diesem schrecklich schönen Land um ein kleines bisschen Himmelreich kämpfte: Ihr Stück vom Himmel war stets mitten unter den Armen Kolumbiens.

Das Erbe der Schwestern Moises
Die im November 2006 verstorbene Maria Herlinde wird heute in Cartagena wie eine Heilige verehrt. Unzählige Geschichten über ihren Kampf um soziale Gerechtigkeit, gegen die Grundbesitzer, ihre führende Rolle bei den Landbesetzungen, ihr caritatives Wirken ranken sich legendenhaft um ihr Leben. Es war kein leichtes Erbe, dass Margaretha nach dem Tod ihrer älteren Schwester antrat: Zu ihrer eigenen bereits 1980 in Bogotá gegründeten Hilfsorganisation CEDAL, übernahm sie als 74 Jährige die Leitung der Organisation ihrer Schwester. Hilfreich dabei war ihre profunde Ausbildung: Margaretha hatte1975 bei den Jesuiten der renommierten Javeriana-Universität in Bogotá ihr Studium der Theologie und Erziehungswissenschaft abgeschlossen und sich in der Folge auf Bildungs-, Friedens- und Sozialarbeit spezialisiert. Ihr Tätigkeitsbereich erstreckte sich neben der Küstenregion von Cartagena, besonders auf die Arbeit mit marginalisierter Bevölkerung in den Großstädten Kolumbiens. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters hatte sich Margaretha ihren jugendlichen Elan und ihren befreiungstheologischen Geist ebenso erhalten wie ihren Pongauer Witz und Dialekt. Ihre Salzburger Heimat besuchte sie bis 2019 immer wieder. Das Wort Ruhestand schien ihr fremd zu sein. Noch vor ein Monat vor ihrem Tod besuchte sie das Werk ihrer Schwester in Pasacaballos.

„Es ist besser, ein Zündholz anzuzünden, als über die Dunkelheit zu klagen.“

Sei So Frei und die Katholischen Männerbewegung trauern in freundschaftlicher Verbundenheit mit der Familie Moises und mit den Menschen in den Projektgebieten ihres Wirkens. „Wir sind überzeugt, dass sie im Geiste Erzbischof Romeros, dessen gleichnamigen Preis sie 1998 für ihre herausragenden Verdienste erhalten hatte, im Volk von Kolumbien weiterleben wird. Getragen von der festen Überzeugung Sr. Margarethas, dass es besser ist ein Zündholz anzuzünden, als über die Dunkelheit zu klagen, werden wir den Menschen in den Hilfsprojekten in Kolumbien in diesen schweren Tagen partnerschaftlich zur Seite stehen, und das Werk dieser großen Salzburger Schwester weiterhin unterstützen“, versichert Wolfgang Heindl für Sei So Frei.

Die Werke der beiden Moises Schwestern werden seit den 1960er-Jahren von Sei So Frei unterstützt.

Weitere Infos auf www.seisofrei.at

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