Mittwoch 18. Oktober 2017

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Fairer Handel

unknownEin Schwerpunkt der Arbeit von SEI SO FREI ist die Unterstützung des fairen Handels. Normal ist es nicht, dass internationale Handelsbeziehungen auf Dialog, Transparenz und Respekt beruhen. Aber es ist sinnvoll. Seit 1975 setzt die EZA den Fairen Handel in die Praxis um. Aus diesem Grund ist SEI SO FREI, die entwicklungspolitische Aktion der Katholischen Männerbewegung, ist Mitbegründer und größter Gesellschafter der EZA Fairer Handel GmbH, Österreichs größter Importorganisation für fairen Handel.

 

Weitere Informationen: www.eza.cc

 

Interview mit Andrea Schlehuber, Geschäftsführerin der EZA Fairer Handel GmbH

Ist der Faire Handel eine wirkungsvolle Methode der Armutsbekämpfung?

Diese Frage würde ich jedenfalls mit JA beantworten. Das zeigen unsere vielfachen direkten Kontakte mit unseren HandelspartnerInnen, das ist aber auch das Ergebnis verschiedenster Studien zum Fairen Handel. So ergab eine 2011/12 durchgeführte Erhebung des deutschen Centrum für Evaluierung der Universität des Saarlandes[1], dass die untersuchten Produzentenvereinigungen  durch Fairen Handel höhere und stabilere Einkommen erzielen konnten,  dass zum Teil die Produktivität eine höhere  ist, dass Erspartes zur Seite gelegt werden konnte und dass trotz höherer Preise für das Exportprodukt der Anbau von Grundnahrungsmitteln für die eigene Versorgung nicht vernachlässigt wurde. Die Auszahlung von Prämien an die Kooperativen ermöglichen darüber hinaus Vorhaben, die etwa in die Verbesserung der Infrastruktur investiert oder in Bildungs- und Gesundheitsmaßnahmen gesteckt werden. Auch das zeigt positive Wirkung auf die Gesamtsituation der Menschen. Wir dürfen dabei aber eines nicht vergessen: Der Faire Handel kann nicht sämtliche Defizite auffangen, mit denen ProduzentInnen in den verschiedenen Weltgegenden konfrontiert sind. Allein, dass Kleinbauernkooperativen sich überhaupt um die Verbesserung von Infrastruktur kümmern, wie etwa den Bau einer Brücke oder die Verbesserung der Straße, oder dass sie Prämiengelder in eine Schule oder in einen Kindergarten investieren, zeigt ja schon, dass die Regierung des jeweiligen Landes dieser wichtigen Aufgabe für die Allgemeinheit nicht nachkommt. Die positiven Effekte des Fairen Handels sind darüber hinaus auch davon abhängig, wie viel ihrer Produktion die Bauern und Bäuerinnen über den Fairen Handel absetzen können.  Es besteht natürlich ein Unterschied, wenn dies 100 Prozent sind oder gerade einmal 5 Prozent. Kürzlich hatten wir Besuch vom Präsidenten einer Kleinbauernvereinigung aus Sri Lanka, die Tees und Gewürze für den Fairen Handel produzieren. Es hat mich selbst wieder erstaunt zu sehen, was hier alles durch Fairen Handel in den letzten Jahren möglich wurde. Ich bin überzeugt, dass das auch damit zu tun hat, dass durch Fairen Handel demokratische Organisationen gestärkt werden, die sich für die Interessen ihrer Mitglieder entsprechend einsetzen.

Stichwort: Fair zur Natur. Werden nachhaltige Anbaumethoden mit dem Fairen Handel gefördert?

Ja, auch wenn das Produkt nicht oder noch nicht aus kontrolliert biologischem Anbau stammt, gibt es etwa in den Standards des FAIRTRADE Gütesiegels umweltbezogene Kriterien, die eingehalten werden müssen. Dabei geht es zum einen um den achtsamen Umgang mit den natürlichen Ressourcen, aber eben auch um den Schutz der Gesundheit von Bauern, Bäuerinnen und ArbeiterInnen, wie etwa strenge Richtlinien, was den Einsatz und die Menge von Agrochemikalien betrifft, Maßnahmen, die Boden- und Wasserschutz betreffen, die Biodiversität erhalten und den Einsatz von gentechnisch manipulierten Organismen ausschließen. Im System des Fairen Handels ist auch die Förderung des biologischen Landbaus vorgesehen. Für biologische Qualität erhalten die ProduzentInnen zusätzliche Prämien. Bei unseren direkten Vor-Ort-Kontakten mit unseren Partnerorganisationen bekommen wir oft eindrucksvoll vor Augen geführt, welche Leistungen die Menschen dafür erbringen, dass auch die Generation ihrer Kinder noch auf einen fruchtbaren und gesunden Boden zurückgreifen kann. Das ist ein Wert, der nicht hoch genug geschätzt werden kann!

 

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Andrea Schlehuber mit Kaffeeproduzenten in Mexiko

Gibt es in Österreich noch ein Entwicklungspotenzial beim Fairen Handel?

Gäbe es das nicht, könnten wir’s uns ja sehr gemütlich machen. Aber genau das ist nicht der Fall. Zugegeben, der Faire Handel ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Allein die EZA Fairer Handel als Pionierorganisation in diesem Bereich konnte in den letzten 10 Jahren den Umsatz mehr als verdoppeln. Unsere Produkte gibt es heute vom Bodensee bis zum Neusiedlersee in über 3500 Geschäften – das breiteste Angebot davon nach wie vor in den 90 Weltläden, den Fachgeschäften für Fairen Handel. Aber wenn man sich die Marktanteile von fair gehandelten Produkten allgemein ansieht, wird man feststellen, dass diese – die Banane einmal ausgenommen – den einstelligen Prozentbereich nicht überschreiten.  Geht man heute einkaufen, wird man erfreulicherweise deutlich mehr Angebot aus Fairem Handel antreffen als noch vor einem Jahrzehnt, zufrieden kann man damit nicht sein! Als EZA sind wir doch eigentlich damit angetreten, uns überflüssig zu machen. Ziel sollte also sein, dass der Faire Handel nicht in „vergrößerten  Nischen“  seinen Platz hat, und damit halt auch die „bewussteren VerbraucherInnen“ ihr Angebot finden, sondern, dass Kriterien für eine menschenwürdige Produktion, eine faire Entlohnung und eine Ressourcen schonende Herstellung generell und weltweit handlungsanleitend werden. Und da haben wir noch einen sehr, sehr weiten Weg zu gehen.

Um Raum für Fairen Handel zu schaffen, um diesen auszudehnen, braucht es,  glaube ich, möglichst viele Vorbilder.  Allein wenn alle kirchlichen Einrichtungen oder die öffentliche Hand auf fair gehandelte Produkte umsteigen würden, wäre das ein ganz wichtiger Impuls und Multiplikatoreffekt, abgesehen von den zusätzlichen Mengen, die hier bewegt werden könnten. Natürlich gibt es hier schon Vorbilder aus beiden Bereichen, aber auch noch ganz, ganz viel Potential.

Wie kann man den Handel dazu zu bringen, die Prinzipien für einen gerechteren Handel zu übernehmen?

Da gibt es sicher mehr als einen Hebel, an dem man ansetzen kann und muss. Als KonsumentInnen können wir zu Produkten  aus sozial und ökologisch verträglicher Produktion greifen. Das ist ein Signal an den Handel so nach dem Motto: „Schaut her, das ist es, was wir wollen, nicht eure Billigaktionen oder Geiz ist geil Produkte, deren  eigentliche Kosten dann auf die Allgemeinheit abgewälzt werden!“ Natürlich wär nur das zu wenig. Nicht alle Menschen haben hier tatsächlich Wahlfreiheit. Wir sind aber Gott sei Dank nicht nur KonsumentInnen. Als BürgerInnen können wir uns informieren, bei Kampagnen mitmachen, die sich an Unternehmen oder politische EntscheidungsträgerInnen richten. Wir können uns Initiativen anschließen, wo um Veränderung gerungen wird. Denn letztlich geht es doch um eine Grundfrage, die nicht beim Bezahlen an der Kasse gelöst werden kann: In welcher Welt wollen wir leben? Welche Wirtschaft wollen wir? Und welche Welt wollen wir hinterlassen, wenn wir gehen?  Eine, wo es neben Produkten, die unter ausbeuterischen Bedingungen für Menschen und Umwelt entstehen auch ein paar wenige gibt, wo die Verantwortung dafür nicht gleich mit der Auftragsvergabe abgegeben wird? Oder eine, wo die Einhaltung von Menschen- und Arbeitsrechten, wo der Schutz der Umwelt verbindlicher verankert wird? Wenn wir Letzteres wollen, müssen wir auch weiter denken  als bis zum nächsten Verkaufsregal. Wir müssen uns fragen, wer die Regeln macht für unsere Handelspolitik, für unsere Landwirtschaftspolitik, für die Finanzwirtschaft…… und dann geht es darum, sich für ein Regelwerk einzusetzen, das an Werten orientiert ist wie Solidarität, Schutz der Menschenwürde, Achtung der Natur, ….

 

Ist der Faire Handel eine Modeerscheinung oder ist er auch als Lebenseinstellung möglich?

 

Naja, die EZA Fairer Handel gibt es jetzt seit fast 40 Jahren. So lange hält keine Mode! Natürlich können die Motive, warum sich Menschen oder Unternehmen im Fairen Handel engagieren, sehr unterschiedlich sein. Das kennt man ja auch aus dem Bio-Bereich. Ich denke, hier ist der kritische Geist der Menschen gefragt. Es ist unser gutes Recht, genauer hinzusehen und nachzufragen, wie sich das Konzept des Fairen Handels zum Beispiel mit der Gesamtperformance eines Unternehmens verträgt. Ob das stimmig oder widersprüchlich ist. Man kann  nicht sagen, ob all die, die heute mitmachen, in 20, 30 Jahren auch noch dabei sind, ihr Produktangebot verbreitert haben…… Letztlich bin ich davon überzeugt, dass der Faire Handel, wenn er glaubwürdig bleiben will, Teil einer Haltung zum Leben, zu den Mitmenschen und zur Mitwelt ist. Das ist vielleicht ein hoher Anspruch in einer kapitalistischen Marktwirtschaft. Wichtig ist, dabei auf die Stimme der ProduzentInnen zu hören, offen zu sein auch für kritische Standpunkte, für eine gemeinsame Weiterentwicklung.

 

Interview: Luis Cordero

 


[1] http://www.maxhavelaar.ch/de/fairtrade/ueber-fairtrade/wirkung/bibliothek/

http://seisofrei.at/