Sonntag 25. Juni 2017

Inhalt:

Interview mit Prof. Johannes Jäger "Entwicklung und Ressourcen"

 

Natürliche Ressourcen sind in den letzten Jahrzehnen zu einem zentralen Thema der internationalen Entwicklungspolitik geworden. Industrie- und Schwellenländern möchten sich den Zugang zu wichtigen Rohstoffen sichern. In ressourcenreichen Ländern in Asien, Afrika oder Lateinamerika wird über die ökologischen und sozialen Auswirkungen von Rohstoffförderung und -produktion debattiert. Prof. (FH) Mag. Dr. Johannes Jäger von der Fachhochschule des BFI Wien hat gemeinsam mit Dr. Karin Fischer und Mag. Lukas Schmidt das Buch „Rohstoffe und Entwicklung“ zu diesem Thema herausgegeben. Weltblick traf den Professor für Volkswirtschaft in Wien.

 

Weltblick: Herr Prof. Jäger, in dem von Ihnen herausgegebenen Buch zeigen Sie und andere Autorinnen und Autoren wirtschaftliche, politische und ökologische Zusammenhänge von Rohstoffausbeutung und -verbrauch auf. Kann die Sicherung von Rohstoffen mit Entwicklungspolitik kombiniert werden?

 

Jäger: Historisch betrachtet erfolgte die Rohstoffausbeutung immer im Interesse Europas bzw. des Nordens.  Waren es zunächst  vor allem Gold und Silber, so waren es später auch andere mineralische Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte sowie Erdöl, die aus Lateinamerika, Afrika und Asien eingeführt wurden. An Stelle des kolonialen Zwangs ist heute der Markt als Mechanismus getreten, der Industrieländern den Zugriff auf Ressourcen im globalen Süden ermöglicht. Häufig führt das nicht zu Entwicklung, sondern vielmehr zu Armut und Entwicklungsproblemen. Einerseits deshalb, weil die Erträge ins Ausland abfließen und andererseits, weil vielfach – wenn Erträge teilweise im Land verbleiben – diese in wenigen Händen konzentriert bleiben. Dennoch gelingt es, wie im Buch gezeigt wird, einigen Staaten im Süden Erträge aus dem Verkauf von Ressourcen breiter umzuverteilen und für Entwicklung zu nutzen.

 

Weltblick: Warum glauben Sie, dass Wirtschaft und politische Stabilität nach wie vor in vielen Ländern Afrikas und Lateinamerika von der Rohstoffproduktion abhängen?

 

Jäger: Der hohe Anteil an Rohstoffen am Export vieler Länder des Südens machen diese von den stark schwankenden Weltmarktpreisen abhängig. Das führt zu wirtschaftlichen und oft auch politischen Verwerfungen, die eine langfristige entwicklungsorientierte Industrialisierung verhindern.

 

Weltblick: Welcher Ausweg könnte es, Ihrer Meinung nach, von der Rohstoffabhängigkeit geben?

 

Jäger: Erstens ist es wichtig, dass die Erträge aus Rohstoffen möglichst weitgehend in den Herkunftsländern verbleiben. Zweitens müssen diese Mittel sowohl für soziale als auch die wirtschaftliche Entwicklung der Länder verwendet werden. Ob dies geschieht hängt einerseits davon ab, inwieweit es breiten Bevölkerungsschichten in diesen Ländern gelingt, politische Prozesse dahingehend zu beeinflussen. Andererseits muss auf Ebene der internationalen Rahmenbedingungen auch sichergestellt sein, dass dies überhaupt möglich ist. Die Europäische Union versucht derzeit etwa im Rahmen bilateraler Freihandelsverträge und sogenannten Wirtschaftspartnerschaften mit einigen Ländern in Afrika genau diese Spielräume der Länder jedoch weiter einzuschränken.

 

Weltblick: SEI SO FREI unterstützt seit vielen Jahren den Fairen Handel, ist das ein Weg, um gegen die ungleiche Verteilung von Einkommen und Chancen in Afrika und Lateinamerika anzukämpfen?


Jäger: Der faire Handel ist ein wichtiger Ansatzpunkt, da er sicherstellt, dass die Menschen im Süden davon profitieren können. Leider ist der Anteil des fairen Handels am Welthandel bislang jedoch relativ klein. Es braucht daher insgesamt eine faire Weltwirtschaftsordnung, die auch entsprechende entwicklungsfördernde Sozial- und Wirtschaftspolitiken in diesen Ländern ermöglicht.

 

Weitere Informationen: http://www.mattersburgerkreis.at/site/de/publikationen/hsk/article/161.html

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